Predigt zum Dorffestgottesdienst am 12.8.2018 von Pfr. M. Neugber

Gastfreundschaft

Liebe Festzeltgemeinde,

Ich nehme jetzt mal ernst und beim Wort, was im sogenannten Hebräerbrief, einem Rundbrief an die christlichen Gemeinden der ersten Stunde, unter anderem steht:
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. (Hebr.13, 2+16)

Es ist nach diesen Worten also damit zu rechnen, dass hier, ohne es zu wissen, einige Engel sitzen. Denn wir sind hier alle Gäste.
Zugleich mag der eine oder die andere gestern Abend und heute im Laufe des Tages an einem Stand Gastgeber, Gastgeberin sein.
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Gastfreundschaft ist ein hoher biblischer Wert. Einer der höchsten. Gott selbst ist Gastgeber unseres Lebens auf Erden. Wenn wir Gastfreundschaft leben, leben wir wie Gott. Und durch Engel, also Boten Gottes, geben wir Gott unter uns Raum – wenn wir gastfreundlich sind. Gastfreundlichkeit wäre so eine Basis für gutes Zusammenleben. Sogar in Petterweil.
Jeder von uns hat nun vielleicht eine andere Vorstellung, was Gastfreundschaft eigentlich ist und bedeutet.
Stellen wir uns also mal „janz dumm“ und fragen: Was ist Gastfreundschaft, wie sieht sie aus und was hat sie für Folgen?

Eine Idee davon gibt uns die Abrahamsgeschichte, die vorhin zu Gehör gebracht wurde.
(In der Lesung wurde folgende biblische Geschichte kindgerecht erzählt und dargestellt, hier der Text nach der Lutherübersetzung rev. 2017 aus 1. Mose 18:
Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde 3 und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. 4 Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. 5 Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast. 6 Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feines Mehl, knete und backe Brote. 7 Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. 8 Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie aßen. 9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! 13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.)

Abraham selbst hatte einen Migrationshintergrund, wie es so schön heißt. Aber inzwischen war er im Lande Kanaan einheimisch geworden. Sogar ein wenig vermögend. Doch er verzichtete auf Grundbesitz. Er zog als Herdenbesitzer von Weide zu Weide. Er wohnte mit seiner Frau in Zelten. Er ahnte: Wenn es einen Grundbesitzer gibt, dann ist es Gott. Wir sind so oder so Gast auf Erden, wir kommen, leben, ziehen durch die Lebenslandschaft und gehen wieder.
Dass er noch Grund haben würde, aus purer Not ins reiche Ägypten zu fliehen, wusste er noch nicht. Er wusste nur eines: Ihm und seiner Frau fehlte eine Zukunftsperspektive, eine, die Hand und Fuß hat. Symbolisch und handfest zu gleich: Sie hatten keine Kinder. Und waren beide schon recht alt.
Dies und anderes mag ihm im Kopf durchgegangen sein, als er so zu bester Siestazeit unter einem Baum lag.
Einst-zwei-Drei Fremde kamen des Weges daher. Fremde Leute sind immer ein Sicherheitsrisiko. Könnte man meinen. Am Besten vorbeiziehen lassen. Oder den Weg versperren. Zurückschicken.
Wäre nicht Gastfreundschaft im alten Orient zuhöchst angeschrieben gewesen. Abraham geht den Leuten entgegen und lädt sie ein.
Was folgt, ist kurz erzählt in der Bibel und mag tatsächlich länger gedauert haben. Brot backen, Kuchen backen, ein Kalb schlachten und zubereiten…
Derweil den Fremden das Wasser reichen…
Hätte Brot und Wasser nicht gereicht? Abraham lässt ein Kalb schlachten. Ein Kalb war eigentlich das letzte, was man schlachtete, und hier ist es das erste.
Abraham gibt hier viel her, er riskiert sein Grundvermögen.
Er gibt und er empfängt. Zunächst nichts weiter als eine Verheißung. Zum Lachen – in seinem Alter, in Sarahs Alter noch ein Kind. Noch wirkliche Zukunft, etwas, was Leben lebenswert macht. Zum Lachen. Und es darf gelacht werden. Zunächst ungläubig und verzweifelt, und ein Jahr später voller Freude. Das Kind wird auch so heißen: Er lacht – Jizchak.
Die Fremden, die so viel empfingen, geben dem Abraham noch mehr. Abraham und Sarah, die so viel geben, empfangen reiches Leben. Und so ist Gott in ihrer Mitte.
Gastfreundschaft ist also nicht einseitig in dieser Geschichte. Die, die als Gäste behandelt werden, sind selber gastlich- gastfrei.
So, wie Gott, der Gastgeber und Gast ist, der alles gibt und zugleich darum bittet, bei uns aufgenommen zu werden.
In Menschen, denen wir Gastfreundschaft gewähren und damit, ohne dass wir es vielleicht wissen, Gottes Boten, also Engel beherbergen. Und damit etwas empfangen, was unser Leben mit Zukunft erfüllt.
Das wäre diese Geschichte. Und ihr folgen viele andere Gastgeschichten im A.T.
Und dann im N.T.
Die Geschichte von Jesus ist eine einzige Gastgeschichte.
Gott ist in Jesus unter uns Gast. Und gibt uns eine Lebensperspektive, die über unser Sterben hinausreicht. Er gibt uns ein Zuhause – und wird, so die Offenbarung des Johannes, unter uns zelten.
Jesus kam als Gast zur Welt. Und ist später immer Gast gewesen. Zugleich wirkt er wie ein Gastgeber und bringt Menschen gute Zukunft, da, wo er heilte, wo er Menschen half, Leben radikal neu auf die Beine zu stellen, wo er Vertrauen zu Gott und seiner Liebe neu weckte und Frieden stiftete. Alles findet sich wieder in der Abendmahlsgeschichte. Alle sind Gast in einem Raum, und Jesus wird zum Gastgeber, aber als die Jünger das Brot teilen, wird einer des anderen Gastgeber sein und zugleich empfangen alle etwas, was sie beseelen wird bis an ihr Lebensende und darüber hinaus. Glaube, Hoffnung, Liebe nannte es Pls.. das heißt für mich: Jesu bleibende Gegenwart und damit Leben direkt aus Gottes Hand.
Das war der tiefe Grund, weswegen die Person, die den Hebräerbrief verfasste, den Gemeinden riet:
Gastfrei zu sein vergesst nicht.

Gemeinden gab es in der Zeit, als jemand den Hebräerbrief verfasste, schon in fast dem gesamten römischen Reich und darüber hinaus. Jede gemeindete so für sich, und da das römische Reich ein gewaltsam zusammengehaltenes Konglomerat aus vielen Völkern war, hatte jede Gemeinde so ihre eigenen Sitten und Gebräuche. Das einigende Band war lediglich das Bekenntnis zu Jesus als den, der Gott nahe bringt.
Noch nicht mal die Taufe war überall üblich, und auch nicht das Abendmahl.
Was sich aber entwickelte, war so eine Art Besuchsdienst. Gemeindeglieder brachen auf und besuchten Gemeinden an anderen Orten. Und umgekehrt empfingen Gemeinden Gäste von ganz woanders her. Und die waren nicht eingeladen. Die standen eines Tages vor der Tür. Manchmal waren es Menschen, die sowieso als Handlungsreisende unterwegs waren, manchmal waren es geflohene Sklaven.
Und immer ein Risiko: Es könnten ja auch Spitzel des römischen Staates sein. Und der römische Staat war auf die Christen als merkwürdige jüdische Sekte nicht gut zu sprechen. Es könnten aber auch bloß Leute sein, die sich nur möglichst kostengünstig durchfüttern lassen wollten.
Mag sein, mag sein – aber es könnten auch Leute sein, mit denen man sich austauschen konnte über Glaubenslebensfragen. Die der Gemeinde vor Ort eine Ahnung davon bringen, dass sie nicht allein so vor sich hin christet, sondern verbunden ist mit allen als Kirche Jesu Christi. Und dass die Sitten und Gebräuche, etwa Gottesdienst zu feiern oder über Gott und die Welt nachzudenken, das eigne Verständnis von Gott und der Welt bereichern. So kam es übrigens, dass sich die Taufe als Anfang eines Christenweges durchsetzte und das Abendmahl also Feier der bleibenden Gegenwart Gottes auch.
Gastgebende Gemeinden waren empfangende, und die Gäste hatten etwas zu geben, Gastfreundschaft geschah, und Gastfreundschaft wäre in diesem Sinne ein gutes deutsches Wort für Ökumene.
Boten Gottes in dieser Welt begegneten einander. Das war Gottes Dienst. Und Gottesdienst. Wie der Hebräerbrief anmerkte:
Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
In einem anderen Zusammenhang hatte mein ehemaliger Kollege und Pfr. von Massenheim, Pfr. Krieg bemerkt als Erfahrung seiner Tätigkeit in der Diakonie: Es besteht immer das Risiko, dass man einem hilft, der es eigentlich nicht braucht oder zu Unrecht bekommt. Aber man weiß es nie. Aber besser, einem zuviel zu helfen als einem zu wenig.
Besser für einen „Falschen“ gastfrei zu sein als einen „Richtigen Engel“ die Tür zu weisen.
Und damit wäre ich bei der Nagelprobe angekommen, wie es um unsere Gastfreundschaft bestellt ist. Nachdem wir Jahrhunderte lang auf Kosten anderer Länder gelebt haben und auch damit Wohlstand in einem reich gesegnetem Kontinent Europa aufbauten und immer noch davon profitieren – die älteren mögen noch den Begriff Kolonialwaren kennen –
Kommen nun Menschen aus diesen Ländern bei uns an. Sie wirken wie Hungerleider, wir unterstellen prophylaktisch, dass sie hier nichts zu suchen haben und bereiten damit denen, die auf kriminelle Weise diese Not ausnutzen, den Schleusern, den Boden und denen, die im Mittelmeer absaufen, keine Chance mehr.
Menschen, in denen aber womöglich Gott selbst unter uns Gast sein möchte. Und damit etwas gibt.
Und nun erzähle ich eine Geschichte, die ich Mitte dieser Woche in der FR las, nur den Anfang, aber der macht schon nachdenklich genug:
Im Kreuzberger Himmel
(das folgende Zitat ist der erste Teil eines Artikels unter diesem Titel von Inge Günther in der Frankfurter Rundschauf vom 8.8.2018, S. 4)
„Mit Hingabe knetet Layali den Teig für die Kubbeh, die arabischen Klößchen aus Bulgur gefüllt mit Lammhack Vor zwei Wochen hat die Irakerin als Hilfeköchin im „Kreuzberger Himmel“ angeheuert – das erste Mal, dass sie einen Job hat, seitdem sie mit ihrer Familie nach Deutschland floh. Layali ist „einfach nur glücklich“, endlich wieder in ihrem Element zu sein. Mitten im Küchendampf und unter Kollegen, um das tun zu können, was sie schon früher in Bagdad getan hat, als Layali von zu Hause aus mit ihrem Mann einen Catering-Service betrieb.
Den meisten- Geflüchteten … aus dem elfköpfigen Team dieses Restaurantprojekts geht es ähnlich. Nach Jahren des Wartens in Flüchtlingsunterkünften, wo ihnen zwischen Deutschkursen und unzähligen Behördengängen nicht viel blieb, als die Zeit totzuschlagen, sind sie froh, eine neue Aufgabe im „Kreuzberger Himmel“ gefunden zu haben. Etwas, das den Selbstwert stärkt. Etwas, womit sich Geld verdienen lässt, zumindest in bescheidenem Maße. Auch wenn nicht immer alles glatt läuft in dieser multikulturellen Zusammenarbeit zwischen Menschen aus Afghanistan, Irak und Syrien, die allesamt harte Flüchtlingsschicksale durchstanden haben. Ihnen bietet der „Kreuzberger Himmel“ die Startchance in ein selbstständiges Leben in Deutschland und den Gästen feinste syrisch-arabische Küche. „Sonst kriegen wir doch nur noch mit, dass alles rund um das Thema Flüchtlinge furchtbar ist“, sagt Andreas Toelke, Vorsitzender der Hilfsorganisation „Be an Angel“, die zu Jahresbeginn das Restaurant an der Yorckstraße, direkt neben der Bonifatiuskirche, eröffnet hat. „Aber die Wirklichkeit ist einfach anders. Wir – und das sind Muslime, Christen, Hindus und Juden – leben Integration vor.“

Und Integration ist hier ein anderes Wort für Gastfreundschaft im biblischen Sinne. Wo Gastgeber zu Gästen werden und Gäste zu Gastgebern, also etwas auf Augenhöhe.
Da hat mir übrigens eine befreundete Person erzählt: Am schönstens seien die Feiern, wo sie Gäste empfängt, die ganz unkompliziert nicht da sitzen und nur bedient werden wollen, sondern sich, wenn etwas fehlt, es einfach selbst holen, und wo sie, die Gastgeberin, auch einmal unter den Gästen sitzen darf am Tisch und zuhören und unterhalten, also selbst empfängt, was ihr Leben reicher macht. So werden Menschen einander zu Engeln. Sie teilen sich mit, in dem sie teilen. Sie lassen es sich etwas kosten als Investition in eine gute gemeinsame Zukunft.
Ich denke, wenn wir hier vor Ort das pflegen, notfalls neu einüben, und jedes Straßenfest wäre da eine gute Gelegenheit, so ein Dorffest wie heute eine wunderbare Anregung dafür, dann würde es uns leichter fallen, unabhängig von allen rechtlichen, politischen und sonstigen Fragen auch gastfreundlich gegenüber Menschen zu sein, die es warum und woher auch immer hierher verschlagen hat – hierher nach Europa, hierher nach Deutschland, hierher nach Petterweil. Diese Gastfreundschaft auf Augenhöhe beginnt, wo wir unsere gemeinsame rechtliche Basis zu Herzen nehmen: Die Menschenwürde ist unantastbar.
Und somit leisten wir Widerstand gegen eine Gefahr unserer Sprache, die aus Menschen Fälle macht und Zustände oder gar Kriminelle. Dagegen sprechen wir von Menschen, die wie jeder von uns Gott alles wert sind. Die haben dann ein Schicksal zu tragen, oder haben etwas getan oder unterlassen. Die haben dann einen Grund, länger hier zu sein oder einen Grund, wieder zurückzureisen. Und wir haben einen Grund, zu überlegen, wie wir als Gast auf Gottes erden in diesem reichgesegneten Land, und Wohlstand verpflichtet, wie es im GG heißt, wie wir damit umgehen, dass wir in einer Zeit der Völkerwanderung leben.
Und nicht die Angst davor hat unter Christen das erste Wort, sondern die Chancen, dass sich Zukunft neu entwickelt. Wie schon immer in der Geschichte.
Darum, als Impuls für weitere und viele Gespräche:
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Der Friede Gottes in Jesus Christus sei mit uns allen.

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