Nicht ganz freiwillig – Sieben Wochen ohne

Am ersten Sonntag in der Fastenzeit stand ich vor der überraschenden Herausforderung, mit der Gemeinde die Gottesdienste ohne Organist*in zu feiern. Scherzhaft meinte ich zu Beginn: Ich hoffe nicht, dass das nun die diesjährige Fastenaktion in unserer Gemeinde wird: 7 Wochen ohne Organist*in.

Meine Hoffnung trog und aus Scherz wurde betrübliche Wahrheit: 7 Wochen ohne (ungefähr? Gar länger?) ohne Organist, weil ohne Gottesdienst. Christen dürfen wie alle anderen auch nicht mehr zusammenkommen, um zu feiern, was ihnen wichtig ist.

In meiner Studienzeit im letzten Jahr beschäftigte ich mich unter anderem mit Gedanken von Dietrich Bonhoeffer, die er aufschrieb in der Zeit zwischen Schließung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde durch die GeStaPo und seiner Verurteilung zum Tode im Mai 1945.

Als ich heute so ganz allein meine Frischluftrunde drehte (und es ist schon merkwürdig, wirklich allein in der Landschaft unterwegs zu sein), musste ich wieder daran denken. Bonhoeffer gab zu bedenken: Jede*r Christ*in ist auf einmalige Weise berufen, Christi Weg in dieser Welt nach zu folgen. Dafür trägt er/sie persönlich die ganze Verantwortung, so, als ob er/sie allein Christ*in sei in dieser Welt. Christ*in als wirklich menschlicher Mensch für seine Mitmenschen. Findet er eine*n Mitchrist*in, gar mehrere, ist das ein Geschenk! D.h., jede Christengemeinde ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk.

Ich bin als Christ*in nicht allein, ich darf mit anderen Kirche Jesu sein. Und so mit allen Menschen, denen grob gesagt „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ am Herzen liegen, wirken, was wirklich Zukunft der Welt in sich trägt (wobei es nicht gilt, die Welt vor allem zu retten. Das bleibt am Ziel aller Zeiten Chefsache).

Wie solche Gemeinde und Kirche dann organisiert ist, ergibt sich aus dem, was nützlich für diese Aufgabe ist.

Aber weil ich mir meine Mitchrist*innen nicht aussuche, sondern geschenkt bekomme, wirke ich nicht in einer Wohlfühlgemeinschaft, sondern in einer Art Team, das Jesus selber zusammen führt. Ich bin gut beraten, andere anzunehmen, wie er mich annimmt mit allen Begabungen und allen Unzulänglichkeiten. Darum ist es gut, miteinander zu beten und gemeinsam aufeinander zu hören – und aufeinander heißt auch: Auf Gott.

Also wie auch immer kleine oder größere Gottesdienste zu feiern. Zuhause, im Freien, in Tagungsstätten – und eben auch in Kirchen.

Und das alles ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk, dass es das gibt, wenn es es gibt. Und sich ergibt.

Wir haben uns zu sehr daran gewöhnt, dass wie selbstverständlich unsere Gottesdienste gefeiert werden, egal, ob und wieviele da mit dabei sind.

Wenn man etwas neu wertschätzen will, tut es gut, darauf eine Zeitlang zu verzichten. Das ist (nicht nur, aber auch) der Sinn der Fastenaktionen. Vielleicht liegt darin ein tieferer Sinn verborgen, dass wir um der Solidarität willen sozusagen „Gottesdienstfasten“. Um zu lernen, dass und wie es ein Geschenk ist.

Und auch dass und wie es ein Geschenk ist, dass dennoch und erst recht auf eine bestimmte Weise und alltäglich Gottesdienst gefeiert wird, ohne viel Gebimmel, ohne Organist*in – aber im Gebet. Da ist so eine Art unsichtbare Gemeinde aus Christ*innen und Nichtchrist*innen im Geiste, über die gebotene Distanz hinweg versammelt im Gedenken an diese Zeit und alle, die sich großen Herausforderungen stellen durch ihr tägliches Tun (das übrigens gerade dadurch nicht alltäglich ist, sondern etwas wirklich Besonderes, ich denke da z.B. an Krankenschwestern).

Alles in Allem geht mir da ein wenig von der Bedeutung der 6. und 7. Strophe jenes bekannten Gedichtes von Bonhoeffer auf:

6. Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

7. Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

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