1.Sam2,1ff, Lk.24,39 und ein Aprilscherz, der keiner ist – Ostersonntag 2018 (Pfr. M. Neugber)

1.Sam2,1ff, Lk.24,39 und ein Aprilscherz, der keiner ist1

Ostersonntag 2018

Liebe Gemeinde,

Gnade sei mit euch und Friede von Gott durch Jesus Christus in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Amen.

Das Datum heute ist gar zu verführerisch.

Die DBA2 meldet: „In Jerusalem wurde das echte Grab Jesu gefunden. Darin lagen Jesu Gebeine, wie Genanalysen ergaben seine Gebeine.“

Ein rechter Aprilscherz? Ein schlechter Aprilscherz?

Gesetzt den Fall, man würde dies tatsächlich finden:
Ich würde erst recht Ostern feiern.
Denn dann wäre für mich Jesus in seiner Menschlichkeit uns noch näher und gleicher als gedacht und wir ihm als einmal Auferweckte in seiner Göttlichkeit noch gleicher als erhofft.
Das will ich nun auch erläutern.

Landläufig stellt man sich Jesu Auferweckung ja so vor wie eine Art totale Reanimation seines toten Leibes durch Gott. Analog dachte man über Jahrhunderte: Genauso werden auch unsere Gebeine und Leiber und alles was dazu gehört, am Jüngsten Tag reanimiert.

Nur: Was soll ich dann sagen bei Urnenbestattungen? Und was geschieht mit denen, die z.B. bei jenem furchtbaren Flugzeugunglück in den französischen Alpen zu Staub zerschellt sind?

Der Apostel Paulus, in unserer Bibel der früheste Zeuge des lebendigen Christus Jesus, nannte die Auferweckung eine große Verwandlung. Die Wirklichkeit, die wir in Gott erleben sollen, ist anders gestrickt als die, in der wir jetzt leben. Es fügt sich alles neu. Jesu Leben, sein Kreuz, seine Auferweckung stehen dafür ein. Unser Leben – ein Lebenswandel.

Ein Lebenswandel ist unser Leben schon jetzt. Ich ernähre mich von anderem Leben. Eine Pflanze, ein Tier verwandelt sich in mein Leben, indem ich verdaue und die Bestandteile zu denen meines Körpers mache. Und einmal werde ich mich genauso verwandeln in anderes Leben hinein, was auch immer das dann sein wird, ein Tier, mehrere Tiere und / oder Pflanzen. Die Bestandteile meines Körpers werden anderen zu Lebensmittel.

Insofern geht Leben nicht verloren, es wandelt sich. Darüber haben z.B. die Buddhisten tief nachgedacht. Sie kamen auf die Idee der Seelenwanderung. Erlösung heißt bei ihnen, von diesem Wandel befreit zu werden und im Grund allen Seins, im Nirwana aufgehen wie ein Tropfen im Meer.3

Wie auch immer: Wenn sich mein natürliches Leben wandelt in anderes Leben, wenn ich wieder Nährstoff dieser Erde werde, oder im Nirwana eingehe, verschwindet meine persönliche Lebensgeschichte. Das, wovon ich sage: „Das bin ich wirklich und wahrhaft selbst“, hört auf zu existieren.

Die Jüdisch-christlich-biblische Sicht auf das Leben bezeugt den Gott, der genau dieses Selbst gewollt hat und bei sich bergen will, weil er es liebt.

Ja, wir sind ein Teil des großen Lebenswandels in der Naturgeschichte dieser Erde. Das ist gut so. Denn diese Welt ist gehalten in schöpferischen Liebe des  Gottes, der alles umbirgt.

Zugleich ist jeder von uns ein einmaliges Wesen, von Gott gewollt. Ein Kind Gottes.

Das ist in dieser Welt nicht zu trennen von dem, was wir Leib nennen. Aber ich kann es unterscheiden von dem, was meinen Leib im Wandel der Zeiten steuert (z.B. die Gene). Ich bin leibhaftig natürliches Wesen auf der einen Seite und auf der anderen Seite als Kind Gottes geschaffen und beseelt. Damit habe ich wie jeder Mensch die  Aufgabe, mich von Geburt an hinzuwandeln zu meinem wahren Menschsein.

So, wie es für uns Jesus lebte: Der Mensch ist dann göttlich, wenn er wirklich wahrhaft er selbst und wirklich menschlich ist.

Paulus hat darum die Erlösung als Sieg des Lebens sinngemäß beschrieben: Wir sterben wie Jesus, um wie Jesus unser Leben wandeln zu lassen, also ganz selbst, ganz Kind Gottes zu werden, unendlich geliebt und liebenswert. Auch für die, die uns jetzt nicht liebenswert finden. Und wir finden alle die die liebenswert, die wir jetzt noch eher abstoßend erleben. Denn wenn jeder er selbst ist, hat das Leben eine neue Form, seine wahre Form gefunden. Menschlich und göttlich zugleich. Dann wurde aus Jesu Ostern Ostern für alle Welt, Ostern für alle Geschöpfe. Die Welt hat ganz zu sich selbst gefunden.

Und Jesus sprach davon als Reich Gottes. Und das beginnt schon vor dem Lebensende, mitten unter uns, inmitten dieser Schöpfung und ihrer natürlichen Gesetzte vom Lebenswandel.

Lukas erzählt in seiner Ostergeschichte: Als Jesus auferweckt wurde, hielten ihn die Jünger für ein dämonisches Gespenst, also eine Art Anti- Jesus. Jesus widersprach: Jetzt bin ich hier, ich bin es, ich wahrhaft selbst.

Als Auferweckter ist er zu seiner eigentlichen Gestalt gekommen, zu seinem wahren Selbst. Auferweckung heißt: wir werden wahrhaft wir selbst werden. Gott entschlüsselt uns unser ganz persönliches Leben und seinen Sinn und unser Ich.

So entdecken wir unser Leben neu.

So nebenher widerspricht Ostern daher der größenwahnsinnigen Behauptung, der Mensch, wie er jetzt ist, wäre die Krone der Schöpfung und das Ziel der Evolution. Biblisch ist die Krone der Schöpfung das in sich selbst Ruhen von Gott und in Gott.

Der Mensch jetzt ist noch nicht der wahre Mensch. Das Leben der Schöpfung hat, soweit es Gott betrifft, noch einen großen Wandel vor sich. Und damit auch die Menschlichkeit.

Schon rein diesseitig darf man übrigens gespannt sein auf die nächsten Jahrmillionen. Die Evolution, auch die des Menschen, geht weiter. Das nur am Rande.

In der Mitte von Ostern lautet die gute Botschaft: So, wie Jesus, wird es uns ergehen. Jesus, er selbst ganz Mensch, er selbst ganz Kind Gottes, Gott selbst ganz in ihm: Er ist wahrhaftig auferweckt.

Es deutete sich in seinem Leben schon an. Zeichenhaft erzählten die Evangelisten, wie Jesus über den See ging. Leicht wie ein Engel. Oder als er auf dem Berg verklärt wurde, von innen heraus leuchtete als eine göttliche Lichtgestalt. Schon vorab kündigte sich sein neues Leben an als neue Weise, in Gott zu wandeln.

Ob nun leeres Grab oder ein Grabfund mit erwiesenermaßen Jesu Gebeinen4: Es ist für mich bedeutungslos. Bedeutung haben für mich die Erfahrungen derer, die Jesus als auferweckten erlebt haben, sogar ziemlich leibhaftig, und die ihn bezeugen. Deren Botschaft von Jesu Auferweckung bleibt für mich ein Halt, ein Grund, darüber hinaus zu hoffen: Er, der Lebendige, bleibt unser Lebensgefährte, der uns unermüdlich auf das große Ziel hinweist und, oft unbemerkt, hinführt und hinüberleitet. Jesus bleibt der Weggefährte, in dem wir uns ganz selbst finden.

Nun haben die Evangelisten aber von einem leeren Grab erzählt. Das geht sogar so weit, dass mit einem gewissen Schmunzeln erzählt wird, Jesu Leichentücher hätten sorgfältig zusammengelegt in seinem ansonsten leeren Grab gelegen, so, als wäre er ganz normal aufgestanden und hätte sein Bett gemacht.

Ich meine, es liegt nicht daran, dass die ersten Christen so etwas als Vorstellungskrücke für ihren Glauben brauchten. Die Menschen der Antike waren intelligenter als wir meinen. Vielleicht sogar weiser als wir sind.

Zwei Ziele hatten die Prediger von Jesu Auferweckung und dem damit verbundenen leeren Grab:

Viele gebildete Menschen damals verachteten nämlich das leibliche als dämonisch. Ja, es soll vergehen, übrig bleiben soll die reine Seele, die sich zu Gott erhebt.

Demgegenüber wird bezeugt: Das Leibliche ist Gottes gute Schöpfung. Auch mein Körper, der mir manchmal zu schaffen macht, ist ein guter Teil von mir, den ich achten, schätzen ehren soll. Wie Hildegard von Bingen sagte: Tu deinem Leib öfter etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.

Aufweckung heißt: Gott findet für uns eine leibhaftig erlöste Form. Wir wabern nicht irgendwie diffus herum, sondern finden eine neue Lebensform und darin zu ihm und zu unserem wahren Selbst als Kind Gottes. Wie auch immer das aussieht. Und wenn gesagt wird, Jesu habe seinen vom Leid gezeichneten Leib behalten, dann drückt sich darin aus, wie lieb und ernst Gott unser Leben aus Seele UND Leib nimmt.

Das andere Ziel der Berichte vom leeren Grab scheint mir zu sein: Die Evangelisten wollten verhindern, dass Menschen zu Jesu Grab pilgern und seine Gebeine als Reliquien verehren.

Sie legten Wert darauf: Das Grab ist irrelevant. Er ist nicht hier.

Er geht voran. Er führt euch zu eurem wahren Selbst, in dem er euch in diese Welt führt, hin zu Menschen, die eure Zuwendung brauchen. Menschen, die Gott euch auf euren Lebensweg stellt. Damit ihr zunehmend geprägt von Nächstensorge durch euer Leben wandelt. In eurem Nächsten – da begegnet euch der Auferweckte. Das ist der Pilgerort. Da ruhen sozusagen Jesu Gebeine und da sind sie zu verehren. Dafür gibt euch Gott seinen Geist: Dass ihr aufgeweckte Menschen werdet. Menschen, die mit aufgewecktem Sinn sehen, was diese Welt vonnöten hat. Was Menschen, brauchen, damit sie neu auferstehen können ins Leben.

D.h., selbst, wenn man also ein Grab Jesu mit Gebeinen darin fände – es wäre, wie gesagt, für mich zuhöchst bedeutungslos. Wichtig ist die Botschaft derer, die ihn als lebendigen Christus erfuhren. Und bezeugen, wo und wie er uns heute noch vorlebt, was für uns wichtig bleibt, damit wir zu uns selbst als Kinder Gottes finden.

So ist er da und präsent.

Er ist da als Lebendiger in den Trümmerstädten Syriens, bei den vergewaltigten Frauen in Afrika, da lebt er unter uns, wo ein Mensch uns als Mitmensch braucht.
Dahin gilt es, zu pilgern, und durch schlichte menschliche Nähe das Osterfest zu begehen.
Ostern – was heute ist, ist also nicht nur hier – sondern da, im Alltag, morgen, übermorgen.
Wo wir das Leben, das Gott will, begehen. Würdigen. Und so recht feiern.
Aufweckung heißt dann: Aufgeweckt jeden neuen Tag annehmen und bereit sein für eine guttuende Begegnung.

Insofern habe ich Ostern tatsächlich hier in Petterweil erlebt. In Gestalt einer relativ jungen Frau. Die hätte eigentlich schon lange nicht mehr leben dürfen aufgrund einer angeborenen Lungenkrankheit. Doch sie lebte, jeden Tag neu. Sie hat ihr Leben angepackt. Sie hat einen Mann kennen und lieben gelernt. Sie hat einem Kind das Leben geschenkt. Und als sie mit mir sprach, sprach sie fast fröhlich über den Tag ihres Sterbens. Ihre Krankheit war unübersehbar da, aber sie selbst war ganz bei sich und voller Lebendigkeit. Und davon zeugt ihr Grabstein. Der kein Stein ist, sondern ein buntes durchsichtiges Lebenszeichen. Gehen sie ruhig auf den Friedhof – sie werden diese Osterspur dort finden. Und wenn ich mal meine, mir geht es ach so schlecht – ich muss an sie denken und lasse mich darauf hinweisen: Leid und Tod haben nicht das letzte Sagen – heute scheint auch mir das Leben auf. Ich bin heute auferweckt, um es wahrzunehmen. Und sei es als Freude über den Gesang einer Feldlerche.

Wenn es also um Ostern geht, muss ich auch an diese Frau denken – und mit ihr an eine Frau, von der die Bibel erzählt. Hanna hieß sie. Ihr Leben schien zu Ende, denn ihr Lebenswunsch blieb unerfüllt. Und dann bekam sie doch noch ein Kind. Sie sah darin mehr als nur die Erfüllung ihres Wunsches. Sie sah darin den Gott, der der Welt ein neues Gesicht schenkt. Ihm sang sie ihr Lied:

Der HERR erfüllt mein Herz mit großer Freude, er richtet mich auf und gibt mir neue Kraft!
Niemand ist so heilig wie du, denn du bist der einzige und wahre Gott. Du bist ein Fels, keiner ist so stark und unerschütterlich wie du.
Die Waffen starker Soldaten sind zerbrochen, doch die Schwachen bekommen neue Kraft.
Wer Hunger litt, hat heute genug zu essen.
Der HERR tötet und macht wieder lebendig.
Er schickt Menschen hinab ins Totenreich und ruft sie wieder herauf.
Dem Verachteten hilft er aus seiner Not. Er zieht den Armen aus dem Schmutz und stellt ihn dem Fürsten gleich, ja, er gibt ihm einen Ehrenplatz.
Dem HERRN gehört die ganze Welt.
Er beschützt jeden, der ihm vertraut.

Ein alttestamentliches Osterlied.
Darum: Fände man einmal tatsächlich ein Grab mit Jesu angeblichen Gebeinen: Er ist nicht da.
Er ist wahrer Mensch, wahres Kind Gottes, Gott ganz ihn ihm –
Und das für alle Welt, in aller Welt. Also auch hier und bei uns.
Und wir mit ihm.
Denn er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.

  1. Die Idee zur Predigt kam mir auch durch einen Kalendertext von Anselm Grün und Susanne Türtscher „Einfach Sein“ Der Kalender aus dem Kloster 2018 Vier Türme Verlag Münsterschwarzach Blatt 13. Woche und aus einem der Bücher von Pfr. Jörg Zink, ich weiß aber nicht mehr, wo. Doch ich kann alle zur Lektüre empfehlen.
  2. Deutsche Bibelagentur
  3. Ich weiß, das ist hier sehr verknappt dargestellt
  4. Kann ich mir übrigens nicht vorstellen, denn dafür bräuchte es genetisches Vergleichsmaterial, und sei es nur von engsten Angehörigen. Ansonsten besagen Gebeine nichts weiter, als dass es Gebeine eines Menschen sind, der zu jener Zeit lebte. Und der Name Jesus war damals ungefähr so häufig wie mein Vorname im Jahrzehnt meiner Geburt

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