Predigt zum Dorffestgottesdienst am 12.8.2018 von Pfr. M. Neugber

Gastfreundschaft

Liebe Festzeltgemeinde,

Ich nehme jetzt mal ernst und beim Wort, was im sogenannten Hebräerbrief, einem Rundbrief an die christlichen Gemeinden der ersten Stunde, unter anderem steht:
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott. (Hebr.13, 2+16)

Es ist nach diesen Worten also damit zu rechnen, dass hier, ohne es zu wissen, einige Engel sitzen. Denn wir sind hier alle Gäste.
Zugleich mag der eine oder die andere gestern Abend und heute im Laufe des Tages an einem Stand Gastgeber, Gastgeberin sein.
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Gastfreundschaft ist ein hoher biblischer Wert. Einer der höchsten. Gott selbst ist Gastgeber unseres Lebens auf Erden. Wenn wir Gastfreundschaft leben, leben wir wie Gott. Und durch Engel, also Boten Gottes, geben wir Gott unter uns Raum – wenn wir gastfreundlich sind. Gastfreundlichkeit wäre so eine Basis für gutes Zusammenleben. Sogar in Petterweil.
Jeder von uns hat nun vielleicht eine andere Vorstellung, was Gastfreundschaft eigentlich ist und bedeutet.
Stellen wir uns also mal „janz dumm“ und fragen: Was ist Gastfreundschaft, wie sieht sie aus und was hat sie für Folgen?

Eine Idee davon gibt uns die Abrahamsgeschichte, die vorhin zu Gehör gebracht wurde.
(In der Lesung wurde folgende biblische Geschichte kindgerecht erzählt und dargestellt, hier der Text nach der Lutherübersetzung rev. 2017 aus 1. Mose 18:
Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. 2 Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde 3 und sprach: Herr, hab ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. 4 Man soll euch ein wenig Wasser bringen, eure Füße zu waschen, und lasst euch nieder unter dem Baum. 5 Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sprachen: Tu, wie du gesagt hast. 6 Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß feines Mehl, knete und backe Brote. 7 Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes, gutes Kalb und gab’s dem Knechte; der eilte und bereitete es zu. 8 Und er trug Butter und Milch auf und von dem Kalbe, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb stehen vor ihnen unter dem Baum, und sie aßen. 9 Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. 10 Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. 11 Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. 12 Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! 13 Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? 14 Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. 15 Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht –, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht.)

Abraham selbst hatte einen Migrationshintergrund, wie es so schön heißt. Aber inzwischen war er im Lande Kanaan einheimisch geworden. Sogar ein wenig vermögend. Doch er verzichtete auf Grundbesitz. Er zog als Herdenbesitzer von Weide zu Weide. Er wohnte mit seiner Frau in Zelten. Er ahnte: Wenn es einen Grundbesitzer gibt, dann ist es Gott. Wir sind so oder so Gast auf Erden, wir kommen, leben, ziehen durch die Lebenslandschaft und gehen wieder.
Dass er noch Grund haben würde, aus purer Not ins reiche Ägypten zu fliehen, wusste er noch nicht. Er wusste nur eines: Ihm und seiner Frau fehlte eine Zukunftsperspektive, eine, die Hand und Fuß hat. Symbolisch und handfest zu gleich: Sie hatten keine Kinder. Und waren beide schon recht alt.
Dies und anderes mag ihm im Kopf durchgegangen sein, als er so zu bester Siestazeit unter einem Baum lag.
Einst-zwei-Drei Fremde kamen des Weges daher. Fremde Leute sind immer ein Sicherheitsrisiko. Könnte man meinen. Am Besten vorbeiziehen lassen. Oder den Weg versperren. Zurückschicken.
Wäre nicht Gastfreundschaft im alten Orient zuhöchst angeschrieben gewesen. Abraham geht den Leuten entgegen und lädt sie ein.
Was folgt, ist kurz erzählt in der Bibel und mag tatsächlich länger gedauert haben. Brot backen, Kuchen backen, ein Kalb schlachten und zubereiten…
Derweil den Fremden das Wasser reichen…
Hätte Brot und Wasser nicht gereicht? Abraham lässt ein Kalb schlachten. Ein Kalb war eigentlich das letzte, was man schlachtete, und hier ist es das erste.
Abraham gibt hier viel her, er riskiert sein Grundvermögen.
Er gibt und er empfängt. Zunächst nichts weiter als eine Verheißung. Zum Lachen – in seinem Alter, in Sarahs Alter noch ein Kind. Noch wirkliche Zukunft, etwas, was Leben lebenswert macht. Zum Lachen. Und es darf gelacht werden. Zunächst ungläubig und verzweifelt, und ein Jahr später voller Freude. Das Kind wird auch so heißen: Er lacht – Jizchak.
Die Fremden, die so viel empfingen, geben dem Abraham noch mehr. Abraham und Sarah, die so viel geben, empfangen reiches Leben. Und so ist Gott in ihrer Mitte.
Gastfreundschaft ist also nicht einseitig in dieser Geschichte. Die, die als Gäste behandelt werden, sind selber gastlich- gastfrei.
So, wie Gott, der Gastgeber und Gast ist, der alles gibt und zugleich darum bittet, bei uns aufgenommen zu werden.
In Menschen, denen wir Gastfreundschaft gewähren und damit, ohne dass wir es vielleicht wissen, Gottes Boten, also Engel beherbergen. Und damit etwas empfangen, was unser Leben mit Zukunft erfüllt.
Das wäre diese Geschichte. Und ihr folgen viele andere Gastgeschichten im A.T.
Und dann im N.T.
Die Geschichte von Jesus ist eine einzige Gastgeschichte.
Gott ist in Jesus unter uns Gast. Und gibt uns eine Lebensperspektive, die über unser Sterben hinausreicht. Er gibt uns ein Zuhause – und wird, so die Offenbarung des Johannes, unter uns zelten.
Jesus kam als Gast zur Welt. Und ist später immer Gast gewesen. Zugleich wirkt er wie ein Gastgeber und bringt Menschen gute Zukunft, da, wo er heilte, wo er Menschen half, Leben radikal neu auf die Beine zu stellen, wo er Vertrauen zu Gott und seiner Liebe neu weckte und Frieden stiftete. Alles findet sich wieder in der Abendmahlsgeschichte. Alle sind Gast in einem Raum, und Jesus wird zum Gastgeber, aber als die Jünger das Brot teilen, wird einer des anderen Gastgeber sein und zugleich empfangen alle etwas, was sie beseelen wird bis an ihr Lebensende und darüber hinaus. Glaube, Hoffnung, Liebe nannte es Pls.. das heißt für mich: Jesu bleibende Gegenwart und damit Leben direkt aus Gottes Hand.
Das war der tiefe Grund, weswegen die Person, die den Hebräerbrief verfasste, den Gemeinden riet:
Gastfrei zu sein vergesst nicht.

Gemeinden gab es in der Zeit, als jemand den Hebräerbrief verfasste, schon in fast dem gesamten römischen Reich und darüber hinaus. Jede gemeindete so für sich, und da das römische Reich ein gewaltsam zusammengehaltenes Konglomerat aus vielen Völkern war, hatte jede Gemeinde so ihre eigenen Sitten und Gebräuche. Das einigende Band war lediglich das Bekenntnis zu Jesus als den, der Gott nahe bringt.
Noch nicht mal die Taufe war überall üblich, und auch nicht das Abendmahl.
Was sich aber entwickelte, war so eine Art Besuchsdienst. Gemeindeglieder brachen auf und besuchten Gemeinden an anderen Orten. Und umgekehrt empfingen Gemeinden Gäste von ganz woanders her. Und die waren nicht eingeladen. Die standen eines Tages vor der Tür. Manchmal waren es Menschen, die sowieso als Handlungsreisende unterwegs waren, manchmal waren es geflohene Sklaven.
Und immer ein Risiko: Es könnten ja auch Spitzel des römischen Staates sein. Und der römische Staat war auf die Christen als merkwürdige jüdische Sekte nicht gut zu sprechen. Es könnten aber auch bloß Leute sein, die sich nur möglichst kostengünstig durchfüttern lassen wollten.
Mag sein, mag sein – aber es könnten auch Leute sein, mit denen man sich austauschen konnte über Glaubenslebensfragen. Die der Gemeinde vor Ort eine Ahnung davon bringen, dass sie nicht allein so vor sich hin christet, sondern verbunden ist mit allen als Kirche Jesu Christi. Und dass die Sitten und Gebräuche, etwa Gottesdienst zu feiern oder über Gott und die Welt nachzudenken, das eigne Verständnis von Gott und der Welt bereichern. So kam es übrigens, dass sich die Taufe als Anfang eines Christenweges durchsetzte und das Abendmahl also Feier der bleibenden Gegenwart Gottes auch.
Gastgebende Gemeinden waren empfangende, und die Gäste hatten etwas zu geben, Gastfreundschaft geschah, und Gastfreundschaft wäre in diesem Sinne ein gutes deutsches Wort für Ökumene.
Boten Gottes in dieser Welt begegneten einander. Das war Gottes Dienst. Und Gottesdienst. Wie der Hebräerbrief anmerkte:
Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
In einem anderen Zusammenhang hatte mein ehemaliger Kollege und Pfr. von Massenheim, Pfr. Krieg bemerkt als Erfahrung seiner Tätigkeit in der Diakonie: Es besteht immer das Risiko, dass man einem hilft, der es eigentlich nicht braucht oder zu Unrecht bekommt. Aber man weiß es nie. Aber besser, einem zuviel zu helfen als einem zu wenig.
Besser für einen „Falschen“ gastfrei zu sein als einen „Richtigen Engel“ die Tür zu weisen.
Und damit wäre ich bei der Nagelprobe angekommen, wie es um unsere Gastfreundschaft bestellt ist. Nachdem wir Jahrhunderte lang auf Kosten anderer Länder gelebt haben und auch damit Wohlstand in einem reich gesegnetem Kontinent Europa aufbauten und immer noch davon profitieren – die älteren mögen noch den Begriff Kolonialwaren kennen –
Kommen nun Menschen aus diesen Ländern bei uns an. Sie wirken wie Hungerleider, wir unterstellen prophylaktisch, dass sie hier nichts zu suchen haben und bereiten damit denen, die auf kriminelle Weise diese Not ausnutzen, den Schleusern, den Boden und denen, die im Mittelmeer absaufen, keine Chance mehr.
Menschen, in denen aber womöglich Gott selbst unter uns Gast sein möchte. Und damit etwas gibt.
Und nun erzähle ich eine Geschichte, die ich Mitte dieser Woche in der FR las, nur den Anfang, aber der macht schon nachdenklich genug:
Im Kreuzberger Himmel
(das folgende Zitat ist der erste Teil eines Artikels unter diesem Titel von Inge Günther in der Frankfurter Rundschauf vom 8.8.2018, S. 4)
„Mit Hingabe knetet Layali den Teig für die Kubbeh, die arabischen Klößchen aus Bulgur gefüllt mit Lammhack Vor zwei Wochen hat die Irakerin als Hilfeköchin im „Kreuzberger Himmel“ angeheuert – das erste Mal, dass sie einen Job hat, seitdem sie mit ihrer Familie nach Deutschland floh. Layali ist „einfach nur glücklich“, endlich wieder in ihrem Element zu sein. Mitten im Küchendampf und unter Kollegen, um das tun zu können, was sie schon früher in Bagdad getan hat, als Layali von zu Hause aus mit ihrem Mann einen Catering-Service betrieb.
Den meisten- Geflüchteten … aus dem elfköpfigen Team dieses Restaurantprojekts geht es ähnlich. Nach Jahren des Wartens in Flüchtlingsunterkünften, wo ihnen zwischen Deutschkursen und unzähligen Behördengängen nicht viel blieb, als die Zeit totzuschlagen, sind sie froh, eine neue Aufgabe im „Kreuzberger Himmel“ gefunden zu haben. Etwas, das den Selbstwert stärkt. Etwas, womit sich Geld verdienen lässt, zumindest in bescheidenem Maße. Auch wenn nicht immer alles glatt läuft in dieser multikulturellen Zusammenarbeit zwischen Menschen aus Afghanistan, Irak und Syrien, die allesamt harte Flüchtlingsschicksale durchstanden haben. Ihnen bietet der „Kreuzberger Himmel“ die Startchance in ein selbstständiges Leben in Deutschland und den Gästen feinste syrisch-arabische Küche. „Sonst kriegen wir doch nur noch mit, dass alles rund um das Thema Flüchtlinge furchtbar ist“, sagt Andreas Toelke, Vorsitzender der Hilfsorganisation „Be an Angel“, die zu Jahresbeginn das Restaurant an der Yorckstraße, direkt neben der Bonifatiuskirche, eröffnet hat. „Aber die Wirklichkeit ist einfach anders. Wir – und das sind Muslime, Christen, Hindus und Juden – leben Integration vor.“

Und Integration ist hier ein anderes Wort für Gastfreundschaft im biblischen Sinne. Wo Gastgeber zu Gästen werden und Gäste zu Gastgebern, also etwas auf Augenhöhe.
Da hat mir übrigens eine befreundete Person erzählt: Am schönstens seien die Feiern, wo sie Gäste empfängt, die ganz unkompliziert nicht da sitzen und nur bedient werden wollen, sondern sich, wenn etwas fehlt, es einfach selbst holen, und wo sie, die Gastgeberin, auch einmal unter den Gästen sitzen darf am Tisch und zuhören und unterhalten, also selbst empfängt, was ihr Leben reicher macht. So werden Menschen einander zu Engeln. Sie teilen sich mit, in dem sie teilen. Sie lassen es sich etwas kosten als Investition in eine gute gemeinsame Zukunft.
Ich denke, wenn wir hier vor Ort das pflegen, notfalls neu einüben, und jedes Straßenfest wäre da eine gute Gelegenheit, so ein Dorffest wie heute eine wunderbare Anregung dafür, dann würde es uns leichter fallen, unabhängig von allen rechtlichen, politischen und sonstigen Fragen auch gastfreundlich gegenüber Menschen zu sein, die es warum und woher auch immer hierher verschlagen hat – hierher nach Europa, hierher nach Deutschland, hierher nach Petterweil. Diese Gastfreundschaft auf Augenhöhe beginnt, wo wir unsere gemeinsame rechtliche Basis zu Herzen nehmen: Die Menschenwürde ist unantastbar.
Und somit leisten wir Widerstand gegen eine Gefahr unserer Sprache, die aus Menschen Fälle macht und Zustände oder gar Kriminelle. Dagegen sprechen wir von Menschen, die wie jeder von uns Gott alles wert sind. Die haben dann ein Schicksal zu tragen, oder haben etwas getan oder unterlassen. Die haben dann einen Grund, länger hier zu sein oder einen Grund, wieder zurückzureisen. Und wir haben einen Grund, zu überlegen, wie wir als Gast auf Gottes erden in diesem reichgesegneten Land, und Wohlstand verpflichtet, wie es im GG heißt, wie wir damit umgehen, dass wir in einer Zeit der Völkerwanderung leben.
Und nicht die Angst davor hat unter Christen das erste Wort, sondern die Chancen, dass sich Zukunft neu entwickelt. Wie schon immer in der Geschichte.
Darum, als Impuls für weitere und viele Gespräche:
Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Der Friede Gottes in Jesus Christus sei mit uns allen.

Predigt zum Sonntag Rogate 6.5.2018 über Koll. 2a e.a. (Pfr. M. Neugber)

Lasst nicht nach im Gebet! Seid beharrlich beim Gebet! Betet ohne Unterlass!

Ich will Gott allezeit lobsingen!

Solche und ähnliche Aufforderungen begegnen einem immer wieder in der Bibel. Und sie sind ernst gemeint.

Nun gibt es tatsächlich klösterliche Gemeinschaften, da machen Nonnen und Mönche nichts anderes als beten. Wieder andere beten immerhin einmal täglich. Und andere lassen beten. Sie bezahlen Geld, sie spenden etwas, und dafür beten andere ohne Unterlass. Auch eine Form der Arbeitsteilung.

Die nur einen Haken hat: Sie bringt nichts. Zumindest dem nicht, der beten lässt. Fragt sich nur, was die, die auffordern, ohne Unterlass zu beten, unter Gebet verstehen.

Wir kennen Gebete zu bestimmten Anlässen. Tischgebet, ein Psalm, im Gottesdienst auch ein Klagegebet, ein Gotteslob, Fürbitten…

Wenn man nun nicht gerade in einem Kloster lebt, in dem nur gebetet wird, und es gibt ja durchaus Klöster, da wird auch gearbeitet, dann wäre es schon merkwürdig, wenn ein Glaubender ständig betet. Stellen Sie sich vor, sie kommen in ein Geschäft, kaufen etwas, gehen bezahlen, und anstelle eines Bitte sehr oder so hören sie z.B. ein Vater Unser oder der Verkäufer bewegt stumm die Lippen, während er vielleicht eine Gebetskette durch die Hände gleiten lässt.

Aber im Ernst: Es gibt tatsächlich Menschen, die beten ohne Unterlass auch außerhalb von Klostermauern. Denn Beten heißt im Grunde: Ich öffne mich der Gegenwart Gottes. Oder eines göttlichen Wesens. Oder dem Urgrund all dessen, was ist.

Ich bin mir dieser allumgreifenden Gegenwart bewusst. Ich brauche da nichts zu tun, nichts zu beurteilen, kann in dieser Gegenwart einfach da sein und leben. Menschen, die so beten, üben das jahrelang. Sie nehmen sich täglich eine Zeit, in der sie nichts anderes tun als da sein und Gottes Gegenwart nachspüren. Diese Urform des Gebetes nennt man auch Kontemplation, Meditation.

Sie wird geübt von Menschen in allen Religionen. Bekannt dafür sind z.B. Buddhisten, Zenmeister. Doch auch unter uns Christen gibt es welche, die es üben und ausüben. Etwa als Herzensgebet, auch genannt: Jesusgebet. Sie üben solange, bis fast automatisch wie das Atmen solch ein ständiges Gebet sie erfüllt. Also mit jedem Atemzug – große Meister mit jedem Herzschlag – Gott angerufen, Gottes Gegenwart sich geöffnet wird, oder mit jedem Atemzug in einem als Gebet erklingt: Jesus Christus, erbarme dich meiner. Wobei mit Erbarme dich nicht die Klage eines Sünders gemeint ist, sondern der ursprüngliche Sinn: Sei mir gegenwärtig.

Ich da – du da. Meister Eckart hatte dieses Gebet: Ich in dir – du in mir – wir bin eins.

So ein tiefes Leben in der Gegenwart Gottes (oder wie auch immer man es sich vorstellt) vertieft das Leben ungemein. Auch das Arbeitsleben, auch den Urlaub, auch das Schlafen und die Begegnungen mit anderen. Denn im Gebet spüre ich nicht nur der immerwährenden Gegenwart Gottes nach – ich bin auch ganz da bei dem, was ich tue oder lasse. Sogar ein banaler Vorgang wie das Einräumen einer Spülmaschine ist dann mehr als lästige Pflicht, die ich mache und im Kopf tausenderlei Dinge habe, die mich auch noch beschäftigen. Ich bin vielmehr ganz bei der Sache, ich lebe. Jetzt. Hier. Ganz und gar.

Das ist – wenn es gelingt – ein beglückender Vorgang. Und erst recht gilt das für Begegnungen mit anderen, wer auch immer. Ganz da sein, tiefer Friede im Herzen, offen für das, was einen anderen bewegt. Denn all das, was ich klagen, bitten, fordern möchte, ist bereits geklagt, gebeten, gefordert.

Mir gefällt das von Meister Eckart schon: Ich in dir – du in mir –  wir bin eins.

Diejenigen in der Bibel, die also rieten: Betet ohne Unterlass – sie wussten, was sie schrieben und sagten. Sie lebten in solcher engen Beziehung zu Gott, im ständigen Gebet, ein Gebet, das keine Worte mehr braucht. Das aber dann, wenn gemeinsame Gebetszeit da ist, etwa Gottesdienst, seine Worte findet.

Gemeinschaftliche Worte.

Und Jesus, der gemeinschaftliche Worte lehrte, das Vater Unser, der ist sozusagen das Urbild solchen Gebetes für uns: Er ist ganz und gar Gebet – ganz und gar Gegenwart Gottes in sich als Mensch mit Leib und Seele.

Christen, in seinem Namen getauft, sollen an diesem tiefen Leben teilhaben, einem Leben, in dem der Tod nicht mehr das letzte Wort hat. Einem Leben, in dem alles Gott – sei – es geklagt mündet in jenes zutiefst friedvoll-frohe „Ich in dir – du in mir – wir bin eins.“

In die ewige Anbetung Gottes, um es traditionell aus zu drücken. Wobei das nicht langweilig ist – genauso wenig langweilig, wie wenn ich einer Angebeteten mich ganz zuwenden darf.

Innig leben. Und zwar jetzt schon.

Und ich gebe zu: Ja, es tut einfach gut – und zugleich ist solches Beten zunächst echte Arbeit. Eine lebenslange Übung. Man kann damit täglich neu anfangen. Macht aber nichts, denn zugleich braucht man sich vor Gott nichts zu schämen. Sondern fängt einfach neu an, vor Gott und so in der Welt ganz da zu sein. Herzschlag für Herzschlag.

Und so beobachte ich, dass sogar junge Menschen Geld ausgeben, um an Kursen teilzunehmen, in denen genau das eingeübt wird.

Darunter auch Kurse von Christen für Christen.

Manche fahren auch nach Indien. Oder besuchen Zenkurse, z.B. Zen-Bogenschießen. Die wenigsten wissen übrigens: Die wirklich großen Meister der sogenannten Kampfsportarten – Judo, Karate, Aikido – tun das nicht, um zu kämpfen oder nur um Sport zu betreiben. Für sie ist es ein Ausdruck, ganz gegenwärtig auch in der schnellen Bewegung sowie in der ganz langsamen Bewegung zu sein. In der Gegenwart des allumfassenden Urgrundes. Darum beten sie vorher und nachher und ihre Bewegung ist selbst ein Gebet – um Kampf zu vermeiden. Zumindest habe ich es so von einem der deutschen Großmeister des Aikido gelernt.

Aber darum ging es den Menschen in der Bibel nicht. Ihnen ging es um ein inniges Mit-Gott-leben, weil dieses Leben auch zu einem friedvoll-innigen Mit den anderen leben führt.

Mit einem Leben vor dem Tode, in dem schon das Leben nach dem Tode aufscheint.

„Ich in dir – du in mir – wir bin eins.“

Betet ohne Unterlass. Seid beharrlich im Gebet. Was es da nun schwer macht, ist unser Bild von Gott.

Kinder haben es da nur scheinbar leichter. Für sie ist Gott jemand über den Wolken, den man anrufen kann, wenn man ihn braucht, und der dann Wünsche erfüllt.

Aber was, wenn er genau das nicht tut? Man mag sich trösten mit dem Bonmot von Dieter Hildebrandt: Gott gibt uns nicht das, was wir brauchen, dafür aber auch nicht das, was wir verdienen.

Oder frommer, etwa wie Dietrich Bonhoeffer es ausdrückte: Gott gibt uns nicht das, was wir uns gerade wünschen, dafür das, was wir wirklich brauchen. Und DB dachte präzise an Gottes Gegenwart auch im unergründlich-unermesslichen Leid.

Andererseits, allen voran Jesus, hatten die biblischen Lehrer des Gebetes, etwa die Psalmisten, die Erfahrung gemacht und dann weitergegeben: Gott ist persönlich ansprechbar. Und Jesus lehrte sogar, Gott Papi zu nennen. Der Russe würde liebevoll sagen „Väterchen“.

Da haben nun viele unserer Zeitgenossen ein großes Problem. Für sie ist Gott weit weg. Zu weit weg. Unvorstellbar weit weg. Dem gegenüber behaupte ich, auch aufgrund der Erfahrung von Lehrern des Gebetes vor mir: Gott ist jedem von uns näher als man sich selbst. Gott ist absolut gegenwärtig in allem.

Das macht Gott zunächst unvorstellbar groß und klein zugleich. Gott, so lehrt es uns die Bibel, steht hinter allem. Wenn die Bibel Gott den Schöpfer oder Dirigent der Geschichte nennt, meint sie: Gott ist nicht ein Teil unserer Welt. Er ist auch nicht irgendein Prinzip der Welt, wie etwa ein Naturgesetz. Er ist kein Uhrmacher der Schöpfung, der sie einmal angestoßen hat und seitdem läuft sie und läuft sie, bis sie irgendwann abgelaufen ist.

Gott ist nicht von dieser Welt und nicht von allen möglichen denkbaren sonstigen Welten. Gott ist allumfassend und somit ist er ewig. Das heißt: Zu jeder Zeit, in jeder Zeit, alldurchdringend gegenwärtig. Für uns Christen ablesbar in Jesus, dem Menschen: Gott ist bis in seine letzte Faser gegenwärtig, und somit ist auch Jesus trotz seines Todes gegenwärtig. Hier und jetzt. Und zugleich gestern und morgen.

Wie Gott.

Das sprengt jede Vorstellung, zugleich muss Gott nicht die Rolle des Lückenbüßers spielen, wenn uns etwas in dieser Welt noch rätselhaft unerklärlich erscheint.

Gott ist auch gegenwärtig in Dingen, die wir auch – ich betone auch – naturwissenschaftlich oder sonst wie erklären können. Und zugleich in Gottes Gegenwart gewinnt es einen wunderbaren poetischen Zauber. Eine Rose etwa, der Schlag einer Nachtigall, die Augen eines Mitmenschen, in die man sich vertieft…

Oder Liebe. Am Besten Liebe.

Und diesen Gott nun duzen… Als Person wahrnehmen. Als persönlichen Ansprechpartner. Als Persönlichkeit.

Auch hier bin ich einem meiner Lehrer dankbar. Der gab zu bedenken: Wir tun uns sicher schwer, ein einzelnes Bakterium Person zu nennen. Und auch eine milliardenfache Versammlung von Bakterien nicht. Auch bei z.B. Regenwürmern hätten wir da Bedenken. Obwohl – inzwischen haben Biologen herausgefunden: Es gibt sogar unter Regenwürmern Charaktere. Übrigens auch bei Bäumen, Buchen etwa.

Haben wir es nun mit sogenannten höheren Säugetieren zu tun, Elefanten, Hunde, Katzen – da fällt es uns schon leichter, von Persönlichkeiten zu sprechen. Wer einen Hund hat, weiß, was ich meine. Und mein Kater ist ein ausgesprochener Feigling, verglichen mit dem des Nachbarn. Je näher die Tiere uns stehen, desto eher sprechen wir ihnen Persönlichkeit zu. Etwa Schimpansen.

Ganz leicht fällt es uns dann bei Unseresgleichen. Ich nehme mich als Person wahr – und unterstelle deshalb Menschen, die mir begegnen, dass sie es auch sind.

Aber wer sagt denn, dass wir das Ende der Entwicklung von Leben sind, schon gar das glorreich gekrönte?

Ich weiß nicht, wohin die Lebensreise auf diesem Planeten geht in den nächsten Abermillionen von Jahren. Vielleicht dominieren eines Tages Oktopusse, die haben jetzt schon 9 Gehirne und zählen zu intelligentesten Lebewesen im Tierreich. Abgesehen davon, dass es irgendwo im All vielleicht auch hochintelligentes Leben gibt. Also lauter Persönlichkeiten.

D.h., es ist vorstellbar, dass es von dem, was wir Person und Persönlichkeit nennen, eine Steigerung gibt.

Und so ist Gott, wie ich ihn verstehe, nicht ein großes ES, sondern die absolute Persönlichkeit. Unserer Person in allem über. Und somit ein großes Du, immer ansprechbar. Gerade weil er so groß ist, dass ich ihn nicht direkt sehen, sondern lediglich wahrnehmen kann, in der Stille eines Gebetes, im Staunen über ein wunderbares Geschöpf wie ein Baum oder eine Hummel, in der tiefen Begegnung mit einem Mitmenschen, und – im Hilferuf eines Notleidenden.

Seid beharrlich im Gebet: Also nicht immer klagen oder bei Gott Bestellungen aufgeben, sondern schlicht in Gottes Gegenwart da sein, auf Du mit seiner Nähe leben – und so von Gegenwart zu Gegenwart am Leben sein.  Das will geübt sein. Wie alles im Leben (richtig – sogar das Atmen muss geübt werden) – aber das schöne ist, etwa im Unterschied zum Geigespielenkönnen: Dafür ist man nie zu alt. Dafür fange ich täglich neu an, es zu üben. Ich stelle mir dann vor, sollte ich einmal richtig alt sein und nichts mehr können als daliegen: Mein wahres Ich in mir ist am Beten, Gott ist gegenwärtig, und tiefer Friede erfüllt mich und ich lebe. Ich in dir – du in mir – wir bin eins. Auch im Sterben.

1.Sam2,1ff, Lk.24,39 und ein Aprilscherz, der keiner ist – Ostersonntag 2018 (Pfr. M. Neugber)

1.Sam2,1ff, Lk.24,39 und ein Aprilscherz, der keiner ist1

Ostersonntag 2018

Liebe Gemeinde,

Gnade sei mit euch und Friede von Gott durch Jesus Christus in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Amen.

Das Datum heute ist gar zu verführerisch.

Die DBA2 meldet: „In Jerusalem wurde das echte Grab Jesu gefunden. Darin lagen Jesu Gebeine, wie Genanalysen ergaben seine Gebeine.“

Ein rechter Aprilscherz? Ein schlechter Aprilscherz?

Gesetzt den Fall, man würde dies tatsächlich finden:
Ich würde erst recht Ostern feiern.
Denn dann wäre für mich Jesus in seiner Menschlichkeit uns noch näher und gleicher als gedacht und wir ihm als einmal Auferweckte in seiner Göttlichkeit noch gleicher als erhofft.
Das will ich nun auch erläutern.

Landläufig stellt man sich Jesu Auferweckung ja so vor wie eine Art totale Reanimation seines toten Leibes durch Gott. Analog dachte man über Jahrhunderte: Genauso werden auch unsere Gebeine und Leiber und alles was dazu gehört, am Jüngsten Tag reanimiert.

Nur: Was soll ich dann sagen bei Urnenbestattungen? Und was geschieht mit denen, die z.B. bei jenem furchtbaren Flugzeugunglück in den französischen Alpen zu Staub zerschellt sind?

Der Apostel Paulus, in unserer Bibel der früheste Zeuge des lebendigen Christus Jesus, nannte die Auferweckung eine große Verwandlung. Die Wirklichkeit, die wir in Gott erleben sollen, ist anders gestrickt als die, in der wir jetzt leben. Es fügt sich alles neu. Jesu Leben, sein Kreuz, seine Auferweckung stehen dafür ein. Unser Leben – ein Lebenswandel.

Ein Lebenswandel ist unser Leben schon jetzt. Ich ernähre mich von anderem Leben. Eine Pflanze, ein Tier verwandelt sich in mein Leben, indem ich verdaue und die Bestandteile zu denen meines Körpers mache. Und einmal werde ich mich genauso verwandeln in anderes Leben hinein, was auch immer das dann sein wird, ein Tier, mehrere Tiere und / oder Pflanzen. Die Bestandteile meines Körpers werden anderen zu Lebensmittel.

Insofern geht Leben nicht verloren, es wandelt sich. Darüber haben z.B. die Buddhisten tief nachgedacht. Sie kamen auf die Idee der Seelenwanderung. Erlösung heißt bei ihnen, von diesem Wandel befreit zu werden und im Grund allen Seins, im Nirwana aufgehen wie ein Tropfen im Meer.3

Wie auch immer: Wenn sich mein natürliches Leben wandelt in anderes Leben, wenn ich wieder Nährstoff dieser Erde werde, oder im Nirwana eingehe, verschwindet meine persönliche Lebensgeschichte. Das, wovon ich sage: „Das bin ich wirklich und wahrhaft selbst“, hört auf zu existieren.

Die Jüdisch-christlich-biblische Sicht auf das Leben bezeugt den Gott, der genau dieses Selbst gewollt hat und bei sich bergen will, weil er es liebt.

Ja, wir sind ein Teil des großen Lebenswandels in der Naturgeschichte dieser Erde. Das ist gut so. Denn diese Welt ist gehalten in schöpferischen Liebe des  Gottes, der alles umbirgt.

Zugleich ist jeder von uns ein einmaliges Wesen, von Gott gewollt. Ein Kind Gottes.

Das ist in dieser Welt nicht zu trennen von dem, was wir Leib nennen. Aber ich kann es unterscheiden von dem, was meinen Leib im Wandel der Zeiten steuert (z.B. die Gene). Ich bin leibhaftig natürliches Wesen auf der einen Seite und auf der anderen Seite als Kind Gottes geschaffen und beseelt. Damit habe ich wie jeder Mensch die  Aufgabe, mich von Geburt an hinzuwandeln zu meinem wahren Menschsein.

So, wie es für uns Jesus lebte: Der Mensch ist dann göttlich, wenn er wirklich wahrhaft er selbst und wirklich menschlich ist.

Paulus hat darum die Erlösung als Sieg des Lebens sinngemäß beschrieben: Wir sterben wie Jesus, um wie Jesus unser Leben wandeln zu lassen, also ganz selbst, ganz Kind Gottes zu werden, unendlich geliebt und liebenswert. Auch für die, die uns jetzt nicht liebenswert finden. Und wir finden alle die die liebenswert, die wir jetzt noch eher abstoßend erleben. Denn wenn jeder er selbst ist, hat das Leben eine neue Form, seine wahre Form gefunden. Menschlich und göttlich zugleich. Dann wurde aus Jesu Ostern Ostern für alle Welt, Ostern für alle Geschöpfe. Die Welt hat ganz zu sich selbst gefunden.

Und Jesus sprach davon als Reich Gottes. Und das beginnt schon vor dem Lebensende, mitten unter uns, inmitten dieser Schöpfung und ihrer natürlichen Gesetzte vom Lebenswandel.

Lukas erzählt in seiner Ostergeschichte: Als Jesus auferweckt wurde, hielten ihn die Jünger für ein dämonisches Gespenst, also eine Art Anti- Jesus. Jesus widersprach: Jetzt bin ich hier, ich bin es, ich wahrhaft selbst.

Als Auferweckter ist er zu seiner eigentlichen Gestalt gekommen, zu seinem wahren Selbst. Auferweckung heißt: wir werden wahrhaft wir selbst werden. Gott entschlüsselt uns unser ganz persönliches Leben und seinen Sinn und unser Ich.

So entdecken wir unser Leben neu.

So nebenher widerspricht Ostern daher der größenwahnsinnigen Behauptung, der Mensch, wie er jetzt ist, wäre die Krone der Schöpfung und das Ziel der Evolution. Biblisch ist die Krone der Schöpfung das in sich selbst Ruhen von Gott und in Gott.

Der Mensch jetzt ist noch nicht der wahre Mensch. Das Leben der Schöpfung hat, soweit es Gott betrifft, noch einen großen Wandel vor sich. Und damit auch die Menschlichkeit.

Schon rein diesseitig darf man übrigens gespannt sein auf die nächsten Jahrmillionen. Die Evolution, auch die des Menschen, geht weiter. Das nur am Rande.

In der Mitte von Ostern lautet die gute Botschaft: So, wie Jesus, wird es uns ergehen. Jesus, er selbst ganz Mensch, er selbst ganz Kind Gottes, Gott selbst ganz in ihm: Er ist wahrhaftig auferweckt.

Es deutete sich in seinem Leben schon an. Zeichenhaft erzählten die Evangelisten, wie Jesus über den See ging. Leicht wie ein Engel. Oder als er auf dem Berg verklärt wurde, von innen heraus leuchtete als eine göttliche Lichtgestalt. Schon vorab kündigte sich sein neues Leben an als neue Weise, in Gott zu wandeln.

Ob nun leeres Grab oder ein Grabfund mit erwiesenermaßen Jesu Gebeinen4: Es ist für mich bedeutungslos. Bedeutung haben für mich die Erfahrungen derer, die Jesus als auferweckten erlebt haben, sogar ziemlich leibhaftig, und die ihn bezeugen. Deren Botschaft von Jesu Auferweckung bleibt für mich ein Halt, ein Grund, darüber hinaus zu hoffen: Er, der Lebendige, bleibt unser Lebensgefährte, der uns unermüdlich auf das große Ziel hinweist und, oft unbemerkt, hinführt und hinüberleitet. Jesus bleibt der Weggefährte, in dem wir uns ganz selbst finden.

Nun haben die Evangelisten aber von einem leeren Grab erzählt. Das geht sogar so weit, dass mit einem gewissen Schmunzeln erzählt wird, Jesu Leichentücher hätten sorgfältig zusammengelegt in seinem ansonsten leeren Grab gelegen, so, als wäre er ganz normal aufgestanden und hätte sein Bett gemacht.

Ich meine, es liegt nicht daran, dass die ersten Christen so etwas als Vorstellungskrücke für ihren Glauben brauchten. Die Menschen der Antike waren intelligenter als wir meinen. Vielleicht sogar weiser als wir sind.

Zwei Ziele hatten die Prediger von Jesu Auferweckung und dem damit verbundenen leeren Grab:

Viele gebildete Menschen damals verachteten nämlich das leibliche als dämonisch. Ja, es soll vergehen, übrig bleiben soll die reine Seele, die sich zu Gott erhebt.

Demgegenüber wird bezeugt: Das Leibliche ist Gottes gute Schöpfung. Auch mein Körper, der mir manchmal zu schaffen macht, ist ein guter Teil von mir, den ich achten, schätzen ehren soll. Wie Hildegard von Bingen sagte: Tu deinem Leib öfter etwas Gutes, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.

Aufweckung heißt: Gott findet für uns eine leibhaftig erlöste Form. Wir wabern nicht irgendwie diffus herum, sondern finden eine neue Lebensform und darin zu ihm und zu unserem wahren Selbst als Kind Gottes. Wie auch immer das aussieht. Und wenn gesagt wird, Jesu habe seinen vom Leid gezeichneten Leib behalten, dann drückt sich darin aus, wie lieb und ernst Gott unser Leben aus Seele UND Leib nimmt.

Das andere Ziel der Berichte vom leeren Grab scheint mir zu sein: Die Evangelisten wollten verhindern, dass Menschen zu Jesu Grab pilgern und seine Gebeine als Reliquien verehren.

Sie legten Wert darauf: Das Grab ist irrelevant. Er ist nicht hier.

Er geht voran. Er führt euch zu eurem wahren Selbst, in dem er euch in diese Welt führt, hin zu Menschen, die eure Zuwendung brauchen. Menschen, die Gott euch auf euren Lebensweg stellt. Damit ihr zunehmend geprägt von Nächstensorge durch euer Leben wandelt. In eurem Nächsten – da begegnet euch der Auferweckte. Das ist der Pilgerort. Da ruhen sozusagen Jesu Gebeine und da sind sie zu verehren. Dafür gibt euch Gott seinen Geist: Dass ihr aufgeweckte Menschen werdet. Menschen, die mit aufgewecktem Sinn sehen, was diese Welt vonnöten hat. Was Menschen, brauchen, damit sie neu auferstehen können ins Leben.

D.h., selbst, wenn man also ein Grab Jesu mit Gebeinen darin fände – es wäre, wie gesagt, für mich zuhöchst bedeutungslos. Wichtig ist die Botschaft derer, die ihn als lebendigen Christus erfuhren. Und bezeugen, wo und wie er uns heute noch vorlebt, was für uns wichtig bleibt, damit wir zu uns selbst als Kinder Gottes finden.

So ist er da und präsent.

Er ist da als Lebendiger in den Trümmerstädten Syriens, bei den vergewaltigten Frauen in Afrika, da lebt er unter uns, wo ein Mensch uns als Mitmensch braucht.
Dahin gilt es, zu pilgern, und durch schlichte menschliche Nähe das Osterfest zu begehen.
Ostern – was heute ist, ist also nicht nur hier – sondern da, im Alltag, morgen, übermorgen.
Wo wir das Leben, das Gott will, begehen. Würdigen. Und so recht feiern.
Aufweckung heißt dann: Aufgeweckt jeden neuen Tag annehmen und bereit sein für eine guttuende Begegnung.

Insofern habe ich Ostern tatsächlich hier in Petterweil erlebt. In Gestalt einer relativ jungen Frau. Die hätte eigentlich schon lange nicht mehr leben dürfen aufgrund einer angeborenen Lungenkrankheit. Doch sie lebte, jeden Tag neu. Sie hat ihr Leben angepackt. Sie hat einen Mann kennen und lieben gelernt. Sie hat einem Kind das Leben geschenkt. Und als sie mit mir sprach, sprach sie fast fröhlich über den Tag ihres Sterbens. Ihre Krankheit war unübersehbar da, aber sie selbst war ganz bei sich und voller Lebendigkeit. Und davon zeugt ihr Grabstein. Der kein Stein ist, sondern ein buntes durchsichtiges Lebenszeichen. Gehen sie ruhig auf den Friedhof – sie werden diese Osterspur dort finden. Und wenn ich mal meine, mir geht es ach so schlecht – ich muss an sie denken und lasse mich darauf hinweisen: Leid und Tod haben nicht das letzte Sagen – heute scheint auch mir das Leben auf. Ich bin heute auferweckt, um es wahrzunehmen. Und sei es als Freude über den Gesang einer Feldlerche.

Wenn es also um Ostern geht, muss ich auch an diese Frau denken – und mit ihr an eine Frau, von der die Bibel erzählt. Hanna hieß sie. Ihr Leben schien zu Ende, denn ihr Lebenswunsch blieb unerfüllt. Und dann bekam sie doch noch ein Kind. Sie sah darin mehr als nur die Erfüllung ihres Wunsches. Sie sah darin den Gott, der der Welt ein neues Gesicht schenkt. Ihm sang sie ihr Lied:

Der HERR erfüllt mein Herz mit großer Freude, er richtet mich auf und gibt mir neue Kraft!
Niemand ist so heilig wie du, denn du bist der einzige und wahre Gott. Du bist ein Fels, keiner ist so stark und unerschütterlich wie du.
Die Waffen starker Soldaten sind zerbrochen, doch die Schwachen bekommen neue Kraft.
Wer Hunger litt, hat heute genug zu essen.
Der HERR tötet und macht wieder lebendig.
Er schickt Menschen hinab ins Totenreich und ruft sie wieder herauf.
Dem Verachteten hilft er aus seiner Not. Er zieht den Armen aus dem Schmutz und stellt ihn dem Fürsten gleich, ja, er gibt ihm einen Ehrenplatz.
Dem HERRN gehört die ganze Welt.
Er beschützt jeden, der ihm vertraut.

Ein alttestamentliches Osterlied.
Darum: Fände man einmal tatsächlich ein Grab mit Jesu angeblichen Gebeinen: Er ist nicht da.
Er ist wahrer Mensch, wahres Kind Gottes, Gott ganz ihn ihm –
Und das für alle Welt, in aller Welt. Also auch hier und bei uns.
Und wir mit ihm.
Denn er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.

  1. Die Idee zur Predigt kam mir auch durch einen Kalendertext von Anselm Grün und Susanne Türtscher „Einfach Sein“ Der Kalender aus dem Kloster 2018 Vier Türme Verlag Münsterschwarzach Blatt 13. Woche und aus einem der Bücher von Pfr. Jörg Zink, ich weiß aber nicht mehr, wo. Doch ich kann alle zur Lektüre empfehlen.
  2. Deutsche Bibelagentur
  3. Ich weiß, das ist hier sehr verknappt dargestellt
  4. Kann ich mir übrigens nicht vorstellen, denn dafür bräuchte es genetisches Vergleichsmaterial, und sei es nur von engsten Angehörigen. Ansonsten besagen Gebeine nichts weiter, als dass es Gebeine eines Menschen sind, der zu jener Zeit lebte. Und der Name Jesus war damals ungefähr so häufig wie mein Vorname im Jahrzehnt meiner Geburt

Glauben entfalten und wieder zusammenfinden – Zu einem Leporello und dem Apostolischen Glaubensbekenntnis – Am Reformationstag 2017 (Pfr. M. Neugber)

Um Jesu Willen von Gott geliebte Gemeinde,
Gnade sei mit euch als Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Amen.

Dies Leporello muss man entfalten. Dann zeigen sich 12 Kirchenfenster nebeneinander, welche die 12 Apostel Jesu darstellen. 12 Apostel, 12 unterschiedliche Charaktere, 12 einmalige Menschen, die ganz unterschiedlich und persönlich entfaltet haben, was sie mit Jesus erlebt haben, und durch ihn neu von erfahren haben. 12 – eine bunte Schar, die Jesus berufen hat als Symbol für das Volk Gottes, das Zukunft haben soll. Als Volk Israel und darum herum Menschen aus aller Welt – wie er versprach: Seht, ich gehe euch voran…

Lukas malt uns in seiner Apostelgeschichte das Bild von der einen Urgemeinde in Jerusalem aus. Doch zwischen den Zeilen seines Buches lässt sich erkennen: Es gab von Anfang an sehr unterschiedliche Urgemeinden, eine bunte Schar von Kirchen in Judäa, in Galiläa, im vorderen Orient.
Spätere Erzählungen überliefern, wie die Apostel als Einzelpersönlichkeiten ihren Weg in alle möglichen Länder der Welt gefunden haben. Thomas zum Beispiel soll bis nach Indien und möglicherweise noch weiter gekommen sein.
12 Apostel stehen sie für ganz unterschiedliche Weisen, Christ zu sein, Kirche zu bilden und die Form von Kirche zu denken.
Petrus etwa wird von der römisch-katholischen Kirche in Anspruch genommen, Thomas von den einstmals zahlreichen Thomaschristen in Südwestindien. Der, der hier nicht vorkommt, weil er erst später dazu kam, Paulus, von den evangelischen Kirchen. Aber eigentlich dachte Paulus sehr hierarchisch: Gott – Jesus – Paulus – Gemeinde. Also eher römisch-katholisch; zugleich aber betonte er das Wirken des Heiligen Geistes in der Gemeinde, d.h., pfingstliche Freikirchen könnten ihn auch für sich reklamieren.
Ich finde also in den 12 Aposteln sämtliche Formen wieder, wie Christentum sich zeigen kann. Gemeinden und Kirchen können sich so unterschiedlich zeigen, dass aus der Sorge, Jesu Christi Auftrag nicht gerecht werden zu können, diese Formen als Konfessionen sich gegenseitig den rechten Glauben und damit das Existenzrecht absprachen.
Die Sorge habe ich nicht. Denn hinter den Aposteln steht das Fundament, so, wie die eine Sonne diese 12 durchleuchtet. Das ist Jesus, wie er uns bezeugt wird in der Vielgestalt der Schriften des Neuen Testaments, und der eine Gott, wie er sich bezeugt in der Vielgestalt der Schriften des Alten Testaments .
Jesu Gebet um die Einheit trägt uns, Jesu Kreuz versöhnt uns – und dieser Weg zur Versöhnung und Einheit beginnt mit der Vielgestalt in der jungen Christenheit.

So gab es in den frühen Christentümern auch unterschiedliche Weisen, zu taufen. Etwa im 4. Jahrhundert beschlossen sie, gegenseitig die eine Taufe anzuerkennen. Ein ökumenischer Meilenstein.
In jener Zeit entstand der Vorläufer des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, dessen Worte verteilt unter den 12 stehen.

Denn das apostolische Glaubensbekenntnis wurzelt in der Taufpraxis der Kirche des Westens. Nach einem Jahr Taufunterricht, nach dem vorösterlichen Fasten als Vorbereitung, wurde der Täufling, der schon bis zum Hals im Wasser stand, vor seiner Taufe gefragt:
Glaubst du an Gott, den allmächtigen…
Glaubst du an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn…
Glaubst du an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche…
Dreimal Ja, ich glaube,
und dann folgte die Taufe im Namen des dreieinigen Gottes, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Später entstand aus diesen Fragen der Text als Glaubensbekenntnis und entwickelte sich zum Taufbekenntnis in der Westkirche. Von da haben evangelische Kirchen es übernommen als Teil der Liturgie.
Katholische Schwestern und Brüder machen sich bewusst, dass sie als Getaufte an der Messe teilnehmen, in dem sie sich mit Wasser aus dem Weihwasserbecken bekreuzigen. Evangelische tun dies mit diesen Worten. D.h., eigentlich müssten wir Protestanten diese Worte gleich am Anfang des Gottesdienstes sprechen.

Alte Worte, nicht vom Himmel gefallen, Worte, die auf die Zeit der Apostel verweisen und zugleich auf die Taufe jedes Zeitgenossen, Menschenworte mehr nicht. Weniger nicht.
Denn Gott selbst hat es gewagt und wagt es immer noch, in ganz bestimmten menschlichen Denkarten, Sprechweisen und kulturellen Zusammenhängen zur Sprache zu kommen. Das Alte Testament ist eigentlich hebräisch, die Denkweise jüdisch und die Kultur altorientalisch. Jesus sprach aramäisch, vermutlich auch Latein und griechisch, seine Kultur war jüdisch und zugleich griechisch-lateinisch, antik geprägt halt. Unsere Kirchen hier in Westeuropa sind immer noch geprägt von der Geschichte und von griechischer Philosophie, wenn inzwischen auch von vielem anderem mehr. Die Ostkirchen sind wieder anders geprägt, nochmal anders die Kirchen in Afrika und Asien und dem fernen Osten und so weiter und so fort.

Wir stehen vor der gleichen Aufgabe wie die Christen der ersten 4 Jahrhunderte: Wir dürfen von je besonderen Erfahrungen mit Gott, mit Jesus, mit dem Heiligen Geist ausgehen. Darüber müssen wir uns austauschen. Mit Gottes Hilfe mögen wir zu einer gemeinsamen Sprache finden und entdecken, was uns bei aller Unterschiedlichkeit verbindet.
Wie schwer das ist, zeigen die Gespräche der unterschiedlichen evangelischen Konfessionen und dann auch der unterschiedlichen Großkonfessionen Ostkirchen – römisch-katholische Kirche – Altkatholische Kirche – Protestantische Kirchen – und dann wären da noch die vielen Freikirchen und Pfingstkirchen. Und jährlich entstehen neue.

500 Jahre Reformation heißt für mich, auch zu bedenken: Seit 2000 Jahren befinden sich Christen auf dem Weg zu einer Kirche, die einmütig Jesus als Christus bezeugt. Seit 2000 Jahren müssen sie sich immer neu auf eine gemeinsame Sprache verständigen, ohne sich mit ihren besonderen Erfahrungen und Begabungen verbiegen zu müssen. Auf dem Weg fragen sie immer neu, und das wäre gut reformatorisch:
Was glauben wir eigentlich gemeinsam?
Darum fragen Christen nach dem gemeinsamen Ursprung – also nach dem, was Jesus durch die ersten Apostel Jesus begründete und Gott ins Leben rief.

Re-Formation – und das heißt zunächst nicht unbedingt, alte Formeln nachzubeten oder gar sich um die Ohren zu schlagen.
Auch die alten Worte des Glaubensbekenntnisses empfinde ich eher als gute Fragen:
Wie hast du Gott erlebt?
Welche Erfahrungen hast du mit Jesus gesammelt?
Wie würdest du von den Momenten im Leben erzählen, von denen du sagen kannst: Hier habe ich in meinem Leben einen neuen, guten, heilsamen Geist gespürt?
Alte Worte, die ja einmal ganz neue Worte waren, ermuntern, dass auch wir in unserer Sprache über unsere Glaubenserfahrungen sprechen. Und auf Augenhöhe das Verbindende entdecken und für wahr nehmen.
Das ist ein langwieriger und deswegen spannender Weg. Denn wir entdecken dabei: So weit entfernt voneinander sind wir gar nicht. Und warum soll es uns besser gehen als den ersten Christen? Die mussten diesen Weg ja auch beschreiten, ehe sie zu den Worten fanden, wie sie uns etwa im Apostolischen Glaubensbekenntnis begegnen.
So bin ich dankbar, dass seit etwa einem halben Jahrhundert Reformationsgedenken nicht mehr heißt: Mir san mir und ihr liegt falsch, sondern eine offene Tür geworden ist: Wir laden euch ein, mit uns uns darauf zu besinnen, wozu uns Gott um Jesu willen heute in dieser Welt eigentlich noch braucht.

Auf dem Weg dorthin sind dann jedoch die alten Worte eine große Hilfe.
Vor Jahren haben wir im Kollegenkreis bei einer Fortbildung versucht, mit moderner Sprache das zu formulieren, was wir gemeinsam glauben, und zwar so, dass es auch Nicht-Protestanten so sprechen könnten. Merkwürdigerweise kamen wir zu dem Ergebnis:
Irgendwie schon genial, was da unseren Mitchristen aus den ersten Jahrhunderten geglückt ist. Wir haben keine besseren Worte gefunden.
Diese alten Worte sind eine gute Basis, die uns die Freiheit geben, das zu entfalten, was wir glauben – und zugleich sind sie ein Geschenk: wir können miteinander sprechen und beten, was uns eint.

Da wären z.B. die Worte:
„Empfangen durch den Heiligen Geist – geboren von der Jungfrau Maria.“
Wir bezeugen mit diesen Worten, dass auf dem Weg der wirklichen Menschwerdung des Menschen Gott einen Neuanfang gesetzt hat. Er selbst wurde Mensch, konkret mitten in der Welt, mitten in seinem Volk, mitten am Rand jeglicher Machtzentren, mitten in der Nacht – mitten in einer Jüdin.
„Also, nach 9 Monaten Schwangerschaft wurde da mal irgendwie irgend so ein Kind irgendwie geboren“
Nein, diese wunderbare Weise, wie Gott sein Leben für uns riskiert, und darum Jesus für uns nicht irgendwer ist, muss sprachlich besonders, sachlich und poetisch zugleich, ausgedrückt werden. Darum ist Jesu Mutter besonders zu würdigen, weil Gott ohne sie nicht handeln wollte.
Das wäre nun meine typisch protestantische Deutung. Die katholische ist anders, die der Ostkirche wieder anders – und gemeinsam sprechen wir:
Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.

Ähnlich dann die heilige katholische Kirche:
In den evangelischen Kirchen hat man da katholisch gestrichen und durch christlich ersetzt.
Mir tut das weh. Das Christlich ist an dieser Stelle nichtssagend. Katholisch heißt: Wir bekennen uns als Christen rund um den Globus zueinander. Es ist der Auftrag zur Ökumene der Christen in dieser einen Welt für diese eine Welt. Kirchen sind kein Selbstzweck. Kirchen haben einen Auftrag, für Gott und mit Jesus etwas Heilsames in der Welt zu wirken. Sie gehören Gott – und Gott ist einer. Darum sind Kirchen verpflichtet, zusammen zu finden, wie auch immer das dann aussieht. Es kann und darf kein Gegeneinander von Christen geben, sondern ein miteinander – auch wenn es geschichtlich gewachsene Organisationen gibt. Selbstzufrieden sich zurückzulehnen „Mir san mir“ – das funktioniert eben nicht.
Wenn Gottes Geist wirkt, dann führt er zusammen und färbt zugleich lebensfroh bunt ein.
Das ist meine Sicht.
Und deine, lieber Bruder Bernd? Vermutlich anders, schon ganz persönlich und von Priesteramts wegen erst recht. Das wäre auch gut so. Denn 500 Jahre Reformation bedeutet auch: 500 Jahre Reformationen auch in der römisch-katholischen Kirche. Und hoffentlich 500 Jahre gemeinsame Reformationen der Kirchen in dieser Welt. Ich empfinde es, gerade weil die evangelischen Kirchen so provinziell aufgestellt sind, als heilsamen Impuls, dass es ein Papstamt in Rom oder in der koptischen Kirche oder in den Ostkirchen gibt. Denn wir müssen uns schon fragen lassen, wie wir bei aller protestantischen Farbenfrohheit der Weltöffentlichkeit deutlich machen: Wir bezeugen mit allen Christen den einen Gott für alle Geschöpfe, der Gott, der sich in einem Christus Jesus allen mitteilt.

So lädt dies Leporello, die Erinnerung an die 12 Apostel und das Glaubensbekenntnis ein, Glauben und Christsein je besonders zu entfalten, und zugleich zu gemeinsamer Sprache zu finden, weil uns von den frühen Christen gemeinsame Worte geschenkt wurden.
Reformation – ein Glaubensweg, wo man sich trifft.
Es ist fast mathematisch:
Parallelen sind Geraden, die sich im Unendlichen treffen.
Christengemeinschaften sind Glaubenswege, die sich im Ewig Lebendigen, also in Jesus Christus treffen.
So wie heute. Hier. Lasst uns nun dieses Glaubensbekenntnis miteinander sprechen. Amen.

(Gepredigt von Pfr. Michael Neugber am 31.10.2017 im ökumenischen Gottesdienst in St. Bardo Petterweil)

(Der Text bezieht sich auf das Apostel-Leporello „Ich glaube“ von https://shop.gottesdienstinstitut.org/catalogsearch/result/?q=Leporello)